Wie der Neubau unsere Innenstädte bedroht -
Über Daniel Fuhrhops "Verbietet das Bauen!"

von Fabian Hesse / 2. Januar 2017

<<< zurück zu Seite 1


Schlüssige Analyse mit betriebswirtschaftlichem Blick

Zum eher radikalen "Nichtbauen" kommt die gemäßigtere Forderung nach sinnvollem Sanieren. Wieder liefert der Autor nachvollziehbare Beispiele sowie eine Neubau-Umbau-Vergleichsbilanz, welche den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes in den Blick nimmt. Ein ganzes Kapitel widmet Fuhrhop zudem der Desillusionierung des ökologischen Bauens (Kritik u.a.: Ökohäuser auf der grünen Wiese verschwenden Platz, Material und führen zu mehr Verkehr).

Fuhrhops Argumente erscheinen das gesamte Buch hindurch schlüssig, da er sich verschiedenster Fachquellen bedient, optische bzw. architektonische Mängel keineswegs schönredet und als ausgebildeter Betriebswirtschaftler entsprechende Analysen in die Betrachtung einbezieht, wie zum Beispiel im Folgenden:

"Wo bereits massenhaft Menschen wohnen, müssen wir entsprechend massiv sanieren [...] Doch das Geld für [die] Modernisierung wird entwertet, wenn gleichzeitig an anderen Orten neu gebaut wird." (S. 82)

Durch Umbau Leerstand bekämpfen und Konjunktur ankurbeln

Einen weiteren Widerspruch zwischen häufig propagiertem Mangel an Gebäuden und der Realität entdeckt Fuhrhop beim Thema Leerstand, welchem ebenfalls ein eigenes Kapitel zukommt. Ob ungenutzte Kirchen, Kasernen, Wohnungen oder Geschäftsräume, überall sieht der Autor brachliegendes Potenzial zur Vermeidung von Neubau.

Fuhrhops Lösungsansatz: Umnutzung als Ziel, Umbau, wenn nötig, als Mittel. Der Staat und besonders die Kommunen müssten dafür mehr Druck auf Eigentümer machen, damit diese ihre Häuser nicht einfach dauerhaft leer stehen lassen können.

Bedenken, der bloße Umbau ohne die "Konjunkturlokomotive" Neubau würde der Wirtschaft erheblich schaden, begegnet Fuhrhop mit einem Gegenargument:

"[...] zum einen geht es mit dem Neubau regelmäßig [wirtschaftlich] wieder nach unten, und er zieht alles andere mit. Und zum anderen ist der Umbau die neue Lokomotive, denn das Sanieren beschäftigt Tausende Handwerker, Energieberater und Architekten." (S. 115)

Autor stellt westliche Werte und Wirtschaftssystem infrage

Zur Baukritik kommt an verschiedenster Stelle die Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem und dem damit verbundenen Lebensstil ("Fleisch essen, Auto fahren, Häuser bauen") inklusive Wegwerfmentalität. Fuhrhops einfacher wie ernster Appell an die Menschen lautet:

"Damit es ohne Neubau geht, müssen wir zusammenrücken!" (S. 124)

Wie das gelingen kann, zeigt der Autor anhand verschiedener gemeinschaftlicher Wohnformen, von (Um-)Baugemeinschaften über Mehrgenerationenhäuser bis hin zu Clusterwohnen und Kollektivhäusern, die heute bereits mancherorts Realität sind. Besonders das Internet müsse und könne hier helfen, Gleichgesinnte zusammenzubringen.

Fazit: Kompakte Begründung eines notwendigen Wandels

Fuhrhops "Verbietet das Bauen" erzählt im Grunde nichts Neues. Die Forderung "Hört auf zu bauen!" wurde, wie der Autor selbst anmerkt, bereits 1968 unter Architekturstudenten laut. Das Buch entspricht vielmehr einer umfassenden Sammlung guter Gründe und konkreter Beispiele für einen Wandel des Bauens, der bereits an verschiedenen Stellen begonnen hat. Die Bedingungen dafür lassen sich, gemäß Fuhrhop, mit drei Worten zusammenfassen: Umdenken, Umbauen, Umziehen.

Wer den endlosen Neubau wie Fuhrhop kritisch sieht, der erhält durch das Buch eine kompakte Begründung dieser Auffassung. Hinzu kommt am Ende der 162 Seiten eine Liste mit 50 Werkzeugen gegen Neubau, die ganz praktische Anwendungstipps umfasst.

Womöglich steht zu befürchten, dass aus mancher Forderung Fuhrhops selbst für den wohlwollenden Leser - und erst recht für Industrie und Wirtschaft - schnell Überforderung wird.*** Dieser Tatsache scheint sich der Autor jedoch bewusst, weshalb er den zwölf Kapiteln einen erklärenden Epilog anfügt, der sehr gelungen ist und deutlich macht, dass hier kein ideeller Spinner schreibt.

Wie ernst es Daniel Fuhrhop mit seinem "Verbietet das Bauen!" ist, belegen nicht zuletzt weitere Publikationen, ständige Vorträge und der entsprechende Internet-Blog des Autors unter www.verbietet-das-bauen.de.


<<< zurück zu Seite 1

Interview mit Daniel Fuhrhop, Autor von "Verbietet das Bauen!"


***) Ein Vorschlag lautet, anstelle eines positiven Stadtmarketings ein negatives ("Kommt nicht nach München!") zu setzen und beliebte Viertel bewusst unattraktiv zu gestalten (u.a. durch "Musikantenstadl im Szeneviertel").

Cookies

Wir verwenden Cookies, um Ihre Websiteerfahrung zu verbessern. Um den neuen e-Privacy-Richtlinien zu entsprechen, müssen wir um Ihre Zustimmung bitten, die Cookies zu setzen. Infos dazu