Alles nur Fassade?

von Fabian Hesse / 27. November 2015
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Fotos (5): F. Hesse

Jörg Simon aus Heiligenstadt verpasst mit seinem Team sowohl innen als auch außen Räumen und Gebäuden den letzten Schliff. Der Fachmann setzt dabei auf individuelle Lösungen nach fundierter Beratung. Im Umgang mit Personal und Kunden zählt für ihn Menschlichkeit. Nicht immer wird das erwidert.

Das Auge wohnt mit

Das Hobby gibt es auch unter Eichsfeldern: Man begutachtet während des sonntäglichen Spaziergangs durch den Heimatort Häuser und Wohnobjekte, um sie danach bei Kaffee und Kuchen zu bewerten. Bröckelt die Fassade - wurde also lange am Haus "nichts gemacht" - fällt das Urteil oft hart aus. Häuserfronten, die durch eine exotische Farbwahl auffallen oder krass vom Standard abweichen, sorgten noch vor wenigen Jahren für ähnliche Reaktionen, gehören inzwischen aber fast zur Normalität.

Dass die hiesigen Häuslebauer sich für ihre Fassaden nicht zu schämen brauchen, ist unter anderem das Verdienst Jörg Simons aus Heiligenstadt. Der gelernte Maurer hat schon zahlreiche Wohn- und Geschäftshäuser in der Region verputzt und damit wind- und wetterfest gemacht.

Jörg_Simon.jpgWer Jörg Simon und sein Team bucht, bekommt allerdings nicht nur den ausführenden Betrieb. Vor der eigentlichen Leistung ist dem 38-Jährigen eine fachmännische Beratung wichtig. "Natürlich hat zunächst der Wunsch des Kunden Vorrang. Häufig kann ich aber auch Empfehlungen geben, die dann auf offene Ohren treffen." Viele wüssten gar nicht, so Simon, wie groß die Bandbreite an Materialien und Verfahrensweisen der Wandgestaltung ist. "Oft wird das von den Firmen auch nicht thematisiert. Die machen halt immer das Gleiche."

Arbeit in der Fremde gab neuen Antrieb

Bald nach seiner Lehre zum Maurergesellen in einem lokalen Betrieb war genau dieser geringe Anspruch an das Handwerk zu wenig für Simon. "Ich dachte schon daran, die Sache sein zu lassen. Die eintönige Arbeit machte mir keinen Spaß mehr." Der Wechsel zu einer kleinen, aber feinen Stuckateurfirma brachte neuen Antrieb, nicht zuletzt, weil das Aufgabengebiet vielfältiger wurde. Hierfür musste Simon jedoch die geliebte Heimat verlassen, wo er vom Vater und Großvater - beide ebenfalls gelernte Maurer - einst als Jugendlicher die ersten Handgriffe gelernt hatte. Nach einiger Zeit in der Fremde fiel dann die Entscheidung: Eine eigene Firma sollte es werden.

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2010 war das. Seither hat sich das Unternehmen house-design-simon nach eigenen Angaben in der Kreisstadt und darüber hinaus als feste Größe in Sachen Wärmedämmung, Innen- und Außenputz, sowie "modernes, stilvolles Wohnen im gesunden Raumklima" etabliert. "Über zu wenige Aufträge können wir uns nicht beschweren. Der Laden läuft."

Aktuell beschäftigt Simon vier Angestellte. Mit drei Fahrzeugen ist der Bautrupp in der Regel an einem Tag gleich auf mehreren Baustellen im Einsatz. "Wir arbeiten überwiegend im Eichsfeld. Zwischendurch gibt es immer wieder notwendige Trocknungszeiten. Da geht es dann andernorts weiter, damit kein Leerlauf entsteht."

Sein Beruf und die tägliche Arbeit seien inzwischen deshalb so interessant, weil jede Baustelle anders ist. "Wir können viel variieren. Der eine Kunde entscheidet sich zum Beispiel für einen klassischen Gipsputz, der nächste für alternativen Rotkalk." Gerade letzterer sei als naturbelassener Baustoff besonders für Renovierungsarbeiten in Altbauten geeignet. Trifft Simon in solchen Objekten noch auf historische Stuckelemente, ist die Baustelle für ihn perfekt.

Ob Baudenkmal oder Yoga-Zimmer: Stuck schafft Atmosphäre

"Stuck ist meine Leidenschaft. Damit kann ich wunderbar individuelle Akzente setzen und jedem Raum das besondere Etwas verleihen." Bisher seien die Aufträge, bei denen das Ziehen von Stuckleisten eine Rolle spielt, noch überschaubar. Der Hang der Eichsfelder zum Altbewährten, wozu auch der Wille zum Erhalt historischer Baudenkmäler, wie Kirchen oder Rathäuser, gehört, dürfte dem Stuckateur aber wohl noch einige spannende Projekte bescheren. "Ich zähle auf die Begeisterung der Eichsfelder für alte Gebäude", gibt sich Simon zuversichtlich.

Um seinen Kunden in Sachen Stuck die bestmöglichen Ergebnisse garantieren zu können, war für den Familienvater die Ausbildung zum Stuckateurmeister Ehrensache.Bauherr_Dokumentation.jpg "Sich berufsbegleitend weiterzubilden ist nicht ganz einfach, besonders, wenn man ein Geschäft zu führen hat und zu Hause Frau und Kinder warten." Froh ist er, dass die langen Ausbildungstage in Weimar bald hinter ihm liegen und er sein erlerntes Fachwissen schon jetzt in der Praxis anwenden kann.

Im letzten Winter legte Simon zunächst im eigenen Haus Hand an. Die Innenräume wurden mit Stuckelementen ordentlich aufgewertet. Potentielle Kunden können sich nun anhand mustergültiger Stuckleisten im Büro des Firmeninhabers von dessen Können überzeugen. Gleich nebenan, in einem eigens eingerichteten Raum, gibt Simons Frau regelmäßig Meditations-Kurse. Ihren Arbeitsplatz ließ die Yoga-Lehrerin bewusst von ihrem Mann gestalten. Die Wände schmücken harmonische Stuckverzierungen und Gipsplastiken. Wer das Zimmer betritt, merkt, dass die Worte "Raumklima" und "Ambiente" für Jörg Simon keine leeren Phrasen sind.

Stuckverzierung.jpgVom ganzheitlichen Verständnis des Einsatzes seiner Fertigkeiten profitiert indes nicht nur die eigene Familie. Als die private Grundschule des Sohnes um Hilfe bat, rückte Simon kurzerhand mit seinem Team an und übernahm unentgeltlich dringend notwendige Putz- und Malerarbeiten.

Talent und Fleiß wichtiger als deutscher Pass und Führerschein

Was Jörg Simon beruflich bewegt, was ihm jeden Tag Freude und seiner Arbeit den Sinn verleiht, dass will er auch anderen vermitteln. Seit der Firmengründung hat sich um den jungen Chef eine schlagkräftige Mannschaft gebildet. "Meine Leute sind mein Kapital, ich kann mich hundertprozentig auf sie verlassen", erklärt Simon.

Mit ihrem Arbeitseifer zahlen die Angestellten das entgegengebrachte Vertrauen täglich zurück. Auch der 15-jährige Praktikant zieht mit. "Der Bursche stammt aus der Nachbarschaft", so Simon. "Ich gebe ihm gern eine Chance. Wenn er will, kann er bei mir seine Ausbildung machen." Die haben Simons Mitarbeiter bereits hinter sich. Dennoch fand einer von ihnen lange keinen Job. "Er wurde nicht genommen, weil er keinen Führerschein hat. Wir sind kein Fuhrunternehmen, also stört mich das nicht."

Fassadenputzer.jpgWas Simon allerdings stört, sind Vorbehalte oder gar Herabwürdigungen gegenüber seinen Mitarbeitern. "Zwei von ihnen sind nicht in Deutschland geboren. Es ist leider schon vorgekommen, dass ich sie nicht mehr zu manchem Kunden schicken konnte, weil sie dort alles andere als nett behandelt wurden." In solchen Situationen fällt es Simon schwer, gute Miene zu machen. "Trotzdem bleibt man höflich, man will ja seine Rechnung bezahlt bekommen."

Zum Glück zeige die Erfahrung, dass es auch ganz anders geht. "Dann höre ich von Auftraggebern, dass meine Jungs unheimlich zuvorkommend und höflich sind. Und als Dank bekommen sie dann auch schon mal vom Bauherrn ein zünftiges Frühstück oder Mittagessen spendiert."


Link: house-design-simon