Wie der Neubau unsere Innenstädte bedroht -
Über Daniel Fuhrhops "Verbietet das Bauen!"

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von Fabian Hesse / 2. Januar 2017

Durch die Ausweitung der Städte (und Dörfer) in immer neue Wohn- und Gewerbegebiete verlieren die historischen Ortskerne für Wohnen und Arbeiten ihren Reiz. Gleichzeitig verlängern sich die Wege, welche der Einzelne im Alltag – vorzugsweise mit dem Auto und zulasten der Umwelt – zurücklegen muss. Dagegen gibt es laut Daniel Fuhrhop, Autor und Publizist mit Architekturschwerpunkt, nur ein Rezept: "Verbietet das Bauen!". Fabian Hesse über das gleichnamige Buch, welches 2015 im oekom Verlag München erschienen ist

Autor und Blogger wirbt für idealen Stadtwandel

Daniel Fuhrhop will es wissen. Der Blogger und Autor schreibt offensiv gegen bisher scheinbar grenzenloses Bauen an. Seine Kampfparolen lauten: "Bauwut bremsen", "Abriss stoppen", "Leerstand bestrafen".

Fuhrhop ist nicht gegen das Bauen generell. Seine Kritik setzt erst beim Neubau der Gegenwart an. Alles, was bereits gebaut wurde – auch wenn es sich aus heutiger Sicht um Fehlplanungen oder "Bausünden" handelt –, sollte erhalten bleiben und konsequent genutzt werden. Statt die vermeintliche Idealstadt zu bauen, müsse man den "idealen Stadtwandel" vollziehen, so Fuhrhop.

Als Gründe für den benötigten Wandel des Bauens nennt er dreierlei: einen unverantwortlichen Ressourcen-, Flächen- und Energieverbrauch; eine zunehmende Verkehrsbelastung durch unkontrolliert wachsende Städte und zersiedelnde Bauweisen (riesige Shopping-Center, reine Arbeits- und Wohngebiete etc.); sowie die fortschreitende Vernichtung historischer Baukultur bzw. der "gebauten Geschichte".

Fuhrhop: Effizienz ist gut, Suffizienz ist besser

Der Autor ist überzeugt, dass ein "Bauverbot" in hohem Maße demokratisch und - im Gegensatz zum sogenannten sozialen Wohnungsbau - wirklich sozial wäre. Die Begründung: Die Freiheit vieler (finanziell schwacher) Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, würde vergrößert, wenn Mietsteigerungen bzw. Privatverschuldung aufgrund von teurem Neubau und profitorientierter Immobilienspekulation ausfielen.

Der Ansatz ist so radikal wie konsequent. Dennoch erlaubt er es jeder Stadt und jeder Region einfach mit dem "Nichtbauen" anzufangen, egal, welche Strategie bisher verfolgt wurde. Fuhrhop fordert jedoch anstelle der bereits überall verordneten Effizienz die Suffizienz beim Bauen, also nicht allein eine sinnvolle sondern auch möglichst begrenzte Nutzung von Ressourcen und Räumen.* Dazu bedürfe es unter anderem sowohl der Anpassung persönlicher Einstellungen zum Besitz ("Wofür brauchen wir all diesen Platz?") als auch gezielter Förderprogramme und entsprechender Gesetze bzw. Gesetzesänderungen.**

Von sinnlosen Flughäfen und dem Neubau in Schrumpfregionen

Durch seine kompromisslose Art bietet das Buch gleich mehrere Angriffsflächen für Kritiker. Allein der Titel muss auf Verfechter des "freien Bauens" wie ein rotes Tuch wirken. Wer sich jedoch auf eine möglichst objektive Diskussion über das Bauen einlässt, der erfährt in der absichtlich provozierenden "Streitschrift" viel Stichhaltiges und Wissenswertes.

So bezieht sich Fuhrhop neben den hinlänglich bekannten Prestige- und dabei Problemprojekten (Stuttgart 21, Berliner Flughafen, EZB-Neubau etc.) auch auf unbekanntere Negativbeispiele, wie den "sinnlosesten Flughafen Deutschlands" in Kassel-Calden oder den schwer nachvollziehbaren Abriss und Neubau von Wohnungen in west- und ostdeutschen "Schrumpfregionen".

Der Autor bleibt aber nicht bei der bloßen Diagnose (inter-)nationaler Missstände. Er berichtet vielmehr über zahlreiche Maßnahmen des bürgerlichen Widerstands gegen Neubau, darunter Volksentscheide, Stiftungen für kollektives Wohnen und gegen Spekulation oder entsprechende Portale im Internet.

Dieser Widerstand müsse noch stärker unterstützt und breiter organisiert werden, so Fuhrhop. Bürger und Politiker hätten bislang allein schon beim Knowhow das Nachsehen gegenüber Investoren und Bauverbänden, der "Kampf" sei ein "ungleicher". Vorgeschlagen wird eine eigene Stiftung als Fürsprecher und zentrales Forum der Bürger.


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*) Vgl. S. 112 für ein schönes Suffizienz-Beispiel: Das Foyer des Karlsuher Staatstheaters steht tagsüber den Studenten der Stadt als Raum mit 150 Arbeitsplätzen zur Verfügung. Der Effekt: Bessere Ausnutzung des Theatergebäudes und mehr Studenten (auch abends) als Theaterbesucher.

**) Fuhrhop verweist auf einen Vorschlag der Bundesstiftung Baukultur, eine "Leistungsphase null" für die Bauplanung einzuführen. Hier sollte der Architekt bzw. Planer mit dem Bauherrn zunächst Sinn und Zweck des Baus erörtern und den wirklichen Bedarf klären.