Religiöse Bauten: Symbole des Glaubens versus Menschenwerk

von Fabian Hesse / 8. April 2016

Postkarten verraten einiges über die Orte, aus denen sie stammen. Auf einem Exemplar des Eichsfelddorfes Deuna finden sich auffallend viele "Ansichten" christlich-religiöser Bauwerke. Interpretation einer Ansichtskarte aus Deuna im Eichsfeld.

Postkarte_Deuna.jpg

Symbole verdichten Bedeutung

Das Kreuz als Zeichen des christlichen Glaubens zählt weltweit zu den bekanntesten Symbolen. Zu den größten Kreuzesdarstellungen in der Region gehört das Dünkreuz bei Deuna. Mit dem massiven und weithin sichtbaren Bauwerk verbinden sich seit seiner Errichtung Mitte der 1930er Jahre sowohl religiöse als auch identitätsstiftende Werte für die Menschen der näheren Umgebung.

Dass dem so ist, lässt sich unter anderem an der Tatsache ablesen, dass das Dünkreuz auch das Wappen der unterhalb seines Standorts gelegenen Ortschaft ziert. Hier steht es gleichrangig mit zwei weiteren markanten Symbolen, dem Mainzer Rad und einer (Wasser-)Burg.

Deunaer Ansichten: Kreuze, wohin man blickt

Nicht weniger als vier Kreuzesdarstellungen finden sich wiederum auf einer zeitgenössischen Postkarte, darunter eben jene im zentral abgebildeten Ortswappen. Hinzu kommen jeweils eine Fotografie des Dünkreuzes, des Altarraums der örtlichen Kirche St. Peter und Paul sowie eines hölzernen Wegkreuzes vor einer alten Linde auf dem Deunaer Friedhof.

Nimmt man das Bild der Kirche von außen sowie die Aufnahmen zweier weiterer eindeutig religiöser Darstellungen hinzu, kann kein Betrachter den klaren Fokus auf den christlichen, genauer gesagt den katholischen Glauben und seine nahezu allgegenwärtige Manifestation durch religiös geprägte Bauwerke und Konstruktionen leugnen.

Gottes Werk: Nur eine Randerscheinung?

Das Handwerk und die Baukunst, welche auf der beschriebenen Postkarte zu sehen und das Werk fähiger Menschen sind, drücken also vor allem die Religiosität der Bewohner des repräsentierten Ortes aus. Allein, das "Werk Gottes" wie es in der Bibel beschrieben wird, nämlich als die Natur und alles was lebt, spielen auf der Karte eine geringere Rolle.

Zwar sieht man auch den Ort in einer Panoramaansicht idyllisch im scheinbar natürlichen Umfeld eingebettet. Diese Natur mit Wald, Obstgärten und Feld ist jedoch die vom Menschen stark kontrollierte und sorgsam kultivierte.

Welches kulturelle und historische Selbstverständnis die beschriebene Postkarte auszudrücken scheint, ist nichts weniger als ein Paradox: Während die Religion und damit der Glaube an Gott und seine Werke zentral wirken sollen, werden ausschließlich die Werke der Menschen dargestellt und damit herausgestellt.

Um diese These zu entkräften, bedarf es eines genaueren Blickes in die Geschichte der jeweiligen Bauwerke. Gerade das Steinkreuz am Dün wurde 1935 gegen viele weltliche Widerstände errichtet, ein tiefes Glaubensgefühl und der Wunsch nach einer Abhebung vom heidnischen Zeitgeist waren darin ersichtlich.

Zementwerk darf nicht fehlen

Die Überzeugung, dass das vom Mensch geschaffene Werk und der damit verbundene (bau-)technische Fortschritt für die Auswahl der Einzelmotive auf der Ansichtskarte entscheidend waren, zeigt sich auch in der Abbildung der gigantischen Industrieanlage des Deunaer Zementwerks im oberen Teil.

Was die Karte womöglich bewusst unterschlägt, ist, dass die Objekte der Anlage mit ihren riesigen Schornsteinen die Kirche im Dorf und das Kreuz am Waldesrand in der Realität bei Weitem überragen. Der Ortskundige weiß sofort, von welchem Ort aus die distanzierte Aufnahme mit ihrem den Einklang von Natur und Technik suggerierenden Rahmen aus Baumzweigen und Büschen gemacht wurde: dem Dünkreuz am Waldesrand.