KOMMENTAR: Handwerk als "Lebenszweck"

04.12.2015

Über die Tradition und den Wert der handwerklichen Berufe - von Fabian Hesse

Das Handwerk hat im Eichsfeld seit jeher Tradition. Sein guter Ruf rührt nicht zuletzt daher, dass viele Handwerker in ihrem Beruf auch Berufung und Lebensaufgabe sehen. So wird die Arbeit, die, frei nach Wilhelm Busch*, als "Lebenszweck" angesehen wird, oft nach Feierabend und am Wochenende im privaten und ehrenamtlichen Bereich fortgesetzt. Im Vordergrund stehen dabei nicht das schnelle Geld oder die Beliebtheit bei Nachbarn und Freunden. Es ist der innere Antrieb, der Wille einen guten Job zu machen und sich am Ergebnis und an der eigenen Produktivität zu freuen.

So, wie es für Jörg Simon aus unserem Bericht "Alles nur Fassade?" selbstverständlich ist, Mehrarbeit zu leisten, so wichtig ist es für ihn - den leidenschaftlichen Handwerker -, anderen die gleiche Möglichkeit zu geben, nämlich die, sich mit ihrem Talent einzubringen, einen guten Job zu machen und – ja, auch das ist ein Ziel der Arbeit – sein Geld zu verdienen. Dazu beschäftigt er mehrere Mitarbeiter und bildet demnächst neue aus.

Keine Entwicklung ohne Arbeit

Ganz nebenbei: Der Titel des Beitrags soll gerade zeigen, dass es nicht um eine Glorifizierung des Handwerks geht. Die Arbeit bleibt auch für Jörg Simon und alle anderen leidenschaftlichen Handwerker Arbeit, wozu Schweiß, Zeitdruck, Stress etc. gehören. Dies alles wird aber in Kauf genommen, weil es sonst keine Entwicklung, keinen Wandel, keinen Erfolg gäbe. Das gilt für das Leben des einzelnen Handwerkers wie für die ganze Gesellschaft, in der ein produktives und zielgerichtetes Arbeiten zum Wohle aller wertgeschätzt wird.

Die Baukultur, welcher dieses Magazin auf die Spur kommen will, schließt die Einstellung der Bauschaffenden im Eichsfeld mit ein. Ob sich die auf Eichsfelder Baustellen gepflegte "Baukultur" grundsätzlich von der im Rest der Welt unterscheidet, kann noch nicht abschließend gesagt werden. Der Artikel "Alles nur Fassade?" vermittelt aber einen ersten Eindruck, wie ein kleiner Eichsfelder Baubetrieb arbeitet und welche - ganz praktisch gesehen - Kultur des Bauens und Miteinander hier gelebt wird.

Muss dabei festgestellt werden, dass Menschen es aufgrund ihrer Herkunft von außerhalb unserer Heimat schwerer haben, für ihre Leistung anerkannt und akzeptiert zu werden, so ist das ein Umstand, der nicht ignoriert werden darf, der aber gleichzeitig auch nicht das allgemeine Bild der Baukultur bestimmen sollte. Dies zu gewährleisten liegt an jedem Einzelnen von uns.

*In Wilhelm Buschs "Max und Moritz" heißt es im "Dritten Streich" über den leidenschaftlichen Handwerker und Schneidermeister Böck:

Alles macht der Meister Böck,
Denn das ist sein Lebenszweck.