KOMMENTAR: Der Bürgermeister als Baumeister

05.02.2016

Warum Leinefelde-Worbis auch nach der Ära Reinhardt weiter (und mehr noch) auf das Bauen setzen sollte – von Fabian Hesse

In vier Monaten, am 5. Juni 2016, wird, wie in vielen Orten im Eichsfeld, auch in Leinefelde-Worbis gewählt. Die Kandidaten müssen einiges mitbringen: Wer sich um das Amt des Bürgermeisters bewirbt, sollte unter anderem auch die Rolle des "Baumeisters" gut spielen können.

Bautätigkeit als Daseinsfürsorge

Die Bautätigkeit, angefangen beim kommunalen Wohnungsbau über den Erhalt der Straßen und sonstigen Infrastruktur bis hin zur Sanierung erhaltenswerter Baudenkmäler, gehört zu den primären Aufgaben und zur Daseinsfürsorge einer Kommune. Hier zeigt sich die ureigene Verbindung des zivilen Zusammenlebens mit dem zivilen Bauen innerhalb dauerhaft angelegter "Siedelstätten"*.

Das eine ist ohne das andere nicht denkbar.

Dass sich das scheidende Stadtoberhaupt in Leinefelde in seiner 26-jährigen Amtszeit regelmäßig und gerne als "Baumeister" betätigt hat, ist unbestreitbar. Der vielbeachtete Stadtumbau nach der politischen Wende 1989/90 wird das baukulturelle Erbe Gerd Reinhardts sein.

Doch nicht nur im Zuge der Neugestaltung ihrer einstigen DDR-typischen Wohn- und Gewerbebausubstanz wuchs die Stadt Leinefelde in jüngster Vergangenheit über sich hinaus. Ortschaften, die bislang weniger rasant, dafür aber historisch gewachsen waren, gliederten sich an. Allein aus wirtschaftspolitischen Gründen machte dies Sinn. Wenn man die Vorgehensweise des Leinefelder Bürgermeisters übernahm, in öffentliche Gebäude und Anlagen zu investieren bzw. diese an private Investoren zu verkaufen, war es zweck- und zeitgemäß.

Baukultur schafft integrative Momente

Doch wie nun weiter?

Nach den Herausforderungen der letzten 26 Jahre, zu denen die soziale und infrastrukturelle Anpassung an den BRD-Standard sowie ein nicht unwesentlicher Bevölkerungsrückgang zählten, müssen die Verantwortlichen heute vor allem passende und kluge Antworten auf zwei Dinge finden: Kurz- und mittelfristig muss auf eine wirtschaftlich gebotene Gebietsreform reagiert werden. Wesentlich länger wird die Integration von zugewanderten Mitbürgern nichtdeutscher Herkunft als menschlich gebotene Aufgabe zu bewältigen sein.

In beiden Fällen kann das Bauen ein Schlüssel sein.

Im Falle der Gebietsreform: Werden Investitionen begünstigt bzw. investiert die Stadt selbst, bleibt die Wirtschaftskraft und damit die gewohnt hohe Lebensqualität erhalten, was unabhängig von veränderten Verwaltungsstrukturen geschehen kann. Gleichzeitig entsteht dringend benötigter Wohnraum für junge Familien aus dem Eichsfeld und aus aller Welt nur durch das Bauen bzw. Umbauen.

Im Falle der Integration von Zuwanderern: Eine breite baukulturelle Auseinandersetzung kann integrative Momente schaffen, da es sich beim Bauen um ein universelles Bedürfnis handelt. Menschen haben auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten Häuser zum Wohnen, Beten und Arbeiten gebaut. Eine Begegnung der beiden Gruppen – jene, die schon lange das Eichsfeld ihre Heimat nennen und jene, die erst kürzlich eingereist sind – auf dieser Ebene wäre, wie das planerisch durchdachte Bauen selbst, konstruktiv und nachhaltig.

Am 5. Juni haben die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Leinefelde-Worbis die Wahl. Fest steht: Nach 26 Jahren wird sie - bleibt das Amt in CDU-Hand - kein gelernter Lehrer mehr als Bürgermeister vertreten. Innerhalb der Partei des amtierenden Stadtchefs haben ein Polizist sowie ein Architekt ihren Hut in den Ring geworfen (vgl. TA-Bericht vom 27.01.2016).

Alle drei Berufe stehen für besondere charakterliche Eigenschaften. Der Lehrer hat bewiesen, dass er als Bürgermeister - und damit als oberster "Baumeister" seiner Stadt - erfolgreich (um-)bauen und durch Bauen integrieren kann. Jedem neuen ist dies zu wünschen.

 

*(Die Erwähnung der "schmucken Siedelstätten", also der mit einer reichen und intakten Baukultur ausgestatteten Ortschaften im Eichsfeldlied / Eichsfelder Sang folgt unmittelbar auf die Beschreibung der natürlichen Gegebenheiten. Wie selbstverständlich verbindet der Autor Natur mit Kultur, die beide damit als unverzichtbar für den Menschen erscheinen.)