Die Geschichte der Villa Engelmann - Teil 1:
Vom Lehrerdomizil zur Fabrikantenvilla

von Fabian Hesse / 30. September 2016

<<< zurück zu Seite 1


Zweiter Streit: Eine Außentreppe auf öffentlichem Grund

Wenngleich ab 1913 Hugo Engelmann als Bauherr sowie Eigentümer von Haus und Grundstück angegeben wird, spielt der Alteigentümer Franz Fütterer weiterhin eine Rolle. Ob und in welcher Form beide, Engelmann und Fütterer, zeitgleich im Haus wohnten, muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Fakt ist, dass der Alteigentümer Fütterer während des Umbaus durch Engelmann am 25. Oktober 1913 die Genehmigung zum Bau einer Außentreppe beantragte. Die Antwort, welche an den "Bauherrn" Engelmann gerichtet ist, kam am 4. November auffallend prompt:

"Gegen den Bau der Treppe liegen [...] Bedenken nicht vor. Die formelle Genehmigung wird Ihnen nach Zustimmung des Magistrats in Kürze erteilt werden. Mit den Bauarbeiten kann inzwischen begonnen werden."

Am 7. November folgte die offizielle Genehmigung durch den Magistrat, unterzeichnet von Bürgermeister August Jux. Die Baukosten belaufen sich auf 500 Mark.

Wie schon der Anschluss des Hauses an die Kanalisation, sollte auch dieser Treppenbau nicht gänzlich reibungslos verlaufen. Entgegen der Darstellung seitens der Stadt, wurden durchaus Bedenken "gegen den Bau" angemeldet. In einem Schreiben vom 5. März 1914 an den Magistrat der Stadt beschwert sich der Postsekretär Theodor Ritter, Eigentümer des Nachbargrundstücks, über den Bau einer Futtermauer zum Schutz der neuen Treppe. Er begründet dies wie folgt:

"[...] Das Terrain an dieser Mauer entlang soll demnächst als Baustelle veräußert werden. Wird unser Grundstück tiefer gelegt, was unumgänglich notwendig ist, so steht die erbaute Futtermauer vor unserem Grundstück und dem Wege und können wir nach Wahl und Bedürfnis keinen Aus- resp. Eingang zum Hausgrundstück bekommen. Wir bitten um gütigen Bescheid, resp. die Beseitigung."

Deutlich wird, dass die extreme Hanglage der Grundstücke im Steingraben das Potenzial bietet, Probleme baulicher und damit auch nachbarschaftlicher Art herbeizuführen.

Der Stadtbaumeister Bodmann als 'Freund des Hauses'

Zu den unterschiedlichen Ansichten der privaten Grundbesitzer bezüglich der Außentreppe kommt die Tatsache, dass die Grenzen entlang des öffentlichen Weges zwischen den benachbarten Grundstücken nicht eindeutig festgelegt zu sein scheinen, was in der Stellungnahme des Stadtbaumeisters Bodmann zu dem Fall erkennbar wird:

"[Herr Engelmann hat] die bis dahin verwahrloste Böschung, von der sich ständig Erdteile lösten und die Reinhaltung der Treppe erschwerten, an der südöstl. Seite des Aufganges mit Grottensteinen, die gleichzeitig zur Verschönerung des Aufganges dienen, abgepflastert, als Futtermauer kann diese Art des Böschungsschutzes nicht angesehen werden und ist hierzu eine besondere baupolizeiliche Genehmigung nicht erforderlich.

Auch dürften dem Nachbargrundstück durch die auf diese Weise geschützte Böschung, die außerdem vollständig zu dem tief gelegenen öffentlichen Treppenaufgange gehören dürfte, keine Nachteile zugefügt sein, sondern das Gegenteil, und daher Einwände des Nachbarn wohl nicht begründet sein; zumal er seine Grenze ohne Rücksicht auf diese Schutzanlagen nach wie vor bebauen kann."

Die Einschätzung, dass durch die Initiative des Herrn Engelmann eine "Verschönerung" der bis dahin "verwahrlosten Böschung" erreicht wurde, verrät, wie wenig die Verantwortlichen der Stadt, allen voran der Stadtbaumeister Bodmann, von jeglicher Kritik an der öffentlichen Treppe, die der Fabrikbesitzer der Allgemeinheit quasi geschenkt hat, halten. Nicht zum ersten Mal zeigt sich Bodmann hier dem Bauherrn Hugo Engelmann gegenüber wohlgesonnen. Die bereits erwähnte Schlussbauabnahme für den Umbau der Engelmann'schen Villa noch am letzten Tag des Jahres 1913 ist ein weiteres Beispiel.

In diesem Zusammenhang erscheint auch der Wohnsitz des Augustin Bodmann ab spätestens 1924 erwähnenswert. Er ist im historischen Adressbuch dieses Jahres mit "Steingraben 2", ehemals Nummer 616, und damit nur zwei Häuser neben der Villa Engelmann angegeben.*** Der gepflegte Treppenaufgang mit Grottensteinen anstelle einer "verwahrlosten Böschung" dürfte ihm dort ganz persönlich von Vorteil und zur Freude gewesen sein.

Der 1. Weltkrieg und seine Folgen

Nachdem die Ausgestaltung des Geländes rund um die Villa als verhältnismäßig kleine Lästigkeiten überwunden waren, brachte der 1. Weltkrieg für die Bewohner des Steingrabens 767 weitaus ärgere Probleme. Waren zuvor der Kauf des Hauses, dessen Umbau und Erweiterung Zeichen der gesicherten und dabei überaus kultivierten Existenz der Familie Engelmann gewesen, kam es in den Kriegsjahren auch in diesem Haushalt zu Versorgungsengpässen.

Ein Antrag auf Genehmigung zur Errichtung eines Stallgebäudes vom 9. Mai 1917 gibt hier besonderen Einblick. Unterzeichnet wird er "im Auftrage für die abwesende Frau Margarethe Engelmann", vermutlich von einer Bediensteten. Am Ende des Gesuchs wird dessen Dringlichkeit von der Verfasserin noch einmal betont, "[d]a wir Eier und die Milch einer Ziege dringend benötigen...".

Aus der Antwort des Stadtbaumeisters geht hervor, dass nicht alle Grundstücksbewohner von der wirtschaftlichen Not betroffen zu sein scheinen. Der Alteigentümer Fütterer ist gegen den Bau, welcher zudem, aufgrund der Nähe zur Straße, gegen die Vorschrift verstoßen würde. Bodmann gibt, wohl aus alter Zuneigung und trotz der eindeutigen Ablehnung, noch den letzten Hinweis, sich an die "Kriegsamtsstelle in Cassel" zu wenden, welche generell für die Genehmigung von Neubauten zuständig sei. Dies wird am 23. Mai, diesmal wohl durch Hugo Engelmann selbst, tatsächlich unternommen, worauf am 18. Juni 1917 der Bescheid der Nichtgenehmigung ohne Angabe von Gründen folgt. Damit endet das dokumentierte Bemühen um eine Stallanlage zur Eigenversorgung während des Krieges.

Im Jahr 1920 wird allerdings erneut um eine Baugenehmigung für ein ähnliches Gebäude gebeten, diesmal jedoch nicht zum Zwecke der Tierhaltung - die Rede ist von einer "Gartenhalle". Der sachlich und kurz gehaltene Antrag durch den Baumeister Fritz Cordier "im Auftrage des Fabrikbesitzers Hugo Engelmann" datiert vom 17. Juli 1920.

Antrag_Stallabteile_Gartenhalle.jpg

Ganz wie in alten Zeiten, ergeht die Genehmigung durch Bodmann unmittelbar und zügig am 21. Juli 1920. Nun erst, da die Errichtung des Gebäudes gestattet wurde, lässt Engelmann am 4. August 1920, auf dem Briefpapier seines Unternehmens und mit Maschine verfasst, die Bitte um Ergänzung der "Gartenhalle" um "Stallabteile" folgen.

Anders als drei Jahre zuvor, wird ihm dies durch den nun wieder in alleiniger Entscheidungsgewalt auftretenden Bodmann drei Tage später gewährt. Dieser verweist zwar erneut auf das Verbot von "Stallungen an der Straßenseite", macht jedoch seinen Ermessensspielraum zugunsten des Antragstellers Engelmann mit folgender Begründung geltend:

"Da im vorliegenden Falle nur die Haltung von Kleinvieh - Enten u. Hühner - beabsichtigt wird, auch das kleine Gebäude in seiner äußeren Erscheinung nicht verunstaltend wirkt, wird die Genehmigung zur Einrichtung der nach der Zeichnung vorgesehenen Stallabteile ausnahmsweise unter der Bedingung erteilt, daß Geruchsbelästigungen verhütet werden müssen..." -


<<< zurück zu Seite 1


*** vgl. Historisches Adressbuch Heiligenstadt 1924

KOMMENTAR: Über das Lesen alter Gebäude