Die Geschichte der Villa Engelmann - Teil 1:
Vom Lehrerdomizil zur Fabrikantenvilla

von Fabian Hesse / 30. September 2016

Der folgende Artikel beschreibt die Geschichte eines Hauses, welches seit seiner Erbauung Menschen unterschiedlichster Herkunft und gesellschaftlicher Stellung beherbergt hat. Anhand seiner historischen Bauakte (Quelle: StadtA Heiligenstadt: IXA 81 Nr. 4) wird im ersten Teil der Versuch unternommen, Charakter und Lebensumstände der einzelnen beteiligten Bauherrschaften sowie die Einflüsse der Zeit auf eben diese nachzuzeichnen. Im Ergebnis - so die Hoffnung des Autors - erhält der Leser, dank der neuen Perspektive, eine gehaltvolle Ergänzung des bereits vorhandenen Geschichtsbildes.

Zeichnung_Haus_1902.jpg

Ein bauherrlicher Fehlstart

Am 15. Juli 1901 richtet ein gewisser Franz Fütterer, seines Zeichens Lehrer am Gymnasium und wohnhaft in Heiligenstadt, ein sehr kurz gehaltenes Schreiben an die Polizeiverwaltung der Stadt, in welchem er die Absicht äußert, "in seinem vor dem Steingraben belegenen Garten [...] ein zweistöckiges Wohnhaus [...] zu erbauen" (Quelle: Stadtarchiv Heiligenstadt, IXA 81 Nr. 4; soweit nicht anders vermerkt, stammen sämtliche Zitate und Darstellungen in diesem Text hieraus). Keinen Monat später, am 14. August, nimmt er das Gesuch wieder zurück.

Mit diesem amtlich dokumentierten Fehlstart beginnt nachweislich die Geschichte eines bemerkenswerten Hauses, welches zunächst ganz am Rande der Kreisstadt lag, heute jedoch inmitten eines breiten Wohngebietes zu finden ist. Zu den genauen Lebensumständen des Erbauers ist, außer der Profession und der damit verbundenen mittleren bis gehobenen Stellung innerhalb der zeitgenössischen Gesellschaft, nichts Näheres bekannt.

Nachdem der erste, für den heutigen Betrachter vorschnell erscheinende Versuch, aus der Idee des Baus Realität werden zu lassen, vom Bauherrn selbst abgebrochen wurde, verging fast ein ganzes Jahr ehe ein neuer, diesmal wesentlich ausgereifterer Antrag gestellt wurde. Dieser datiert vom 14. Juni 1902 und ist allein schon in Form und Umfang deutlich vielsagender.

Verfasst hat ihn der Bautechniker Nikolaus Degenhardt im Auftrag des bereits erwähnten Lehrers und Bauherrn Franz Fütterer. Die Baubeschreibung enthält u.a. Angaben über Lage, Art und Umfang des Baus, sonstiger örtlicher Gegebenheiten sowie zu den veranschlagten Kosten und liest sich wie folgt:

"Der Neubau soll auf dem Grundstück vor dem Göttinger Flur Parzelle 1139/34 am Steingraben errichtet werden. Das Kellergeschoß wird aus Bruchsteinen unter teilweiser Verwendung von Ziegelsteinen hergestellt und mit Kappen und Ziegelsteinen zwischen eiserne Träger überwölbt. Das I und II Stockwerk wird massiv in Ziegelstein ausgeführt. Die äußeren Flächen werden geputzt, die Ecken und Fenstern mit Sandstein eingefasst. Die Zwischendecken gestackt, gerohrt, geputzt und gedielt. Einzelne Theile des I. Stockes und des Dachgeschoßes werden von Fachwerk mit Ziegelsteinenausmauerung hergestellt. [...] Eine besondere Grube für Tages- und Gebrauchswasser wird ausgehoben. Die entsprechenden Bestimmungen der Bauordnung (B.O.) werden genau beachtet. Ein Brunnen ist auf dem Grundstück vorhanden. Die Baukosten werden 18000 Mark betragen..."

Grundriss_1902.jpg

Der Grundriss des Hauses weist auf den beiden Vollgeschossen jeweils drei ganze "Zimmer" etwa gleicher Größe aus. Hinzu kommt im ersten Stock eine Küche sowie darüber, im zweiten, eine "Mädchenkammer" nebst Bad, welche wohl für ein Hausmädchen gedacht war. Kammer und Bad sind in einem zweiten Entwurf zu einem Zimmer zusammengefasst und so schließlich auch gebaut worden. Im Ganzen verfügt das neue Domizil des Gymnasiallehrers über stattliche sieben Zimmer, eine Küche, eine Veranda und einen kleinen Balkon. Mehrere Dach- und Kellerräume kommen noch hinzu.

Am 8. Juli 1902 erhält der Bauherr die erbetene baupolizeiliche Genehmigung. In der Folge wird der Rohbau bis zum 18. März 1903 errichtet. Eine nachträgliche Änderung der ursprünglich genehmigten Bauausführung, welche einen zusätzlichen Giebel des ohnehin reichlich verwinkelten Hauses ergeben hat, bleibt unbeanstandet, die "Rohbauabnahme und Gebrauchsabnahme" wird am 12. August 1903 amtlich bestätigt.

Erster Streit: Anschluss an die Kanalisation

Das Haus wurde in seiner ursprünglichen Form wahrscheinlich noch im Jahre 1903 vollständig fertiggestellt, allein es fehlte der Anschluss an die städtische Kanalisation. Wie aus den Akten hervorgeht, war dieser bis 1909 gar nicht möglich, da noch kein Kanal im Steingraben vorhanden war. Erst im Sommer 1909 wurde mit dessen Verlegung begonnen und der Anschluss der umliegenden Häuser Pflicht.

Mit der neuerlichen, diesmal zwangsweise auferlegten Baumaßnahme konnte sich der Eigentümer, aufgrund der von ihm zu tragenden Kosten, lange nicht anfreunden, riskierte durch Nichtbeachtung gar Bußgeld und Gefängnisstrafe. Über ganze zwei Jahre erstreckte sich die Auseinandersetzung. Zahlreiche Aufforderungen der Polizeiverwaltung an Fütterer, den Kanalanschluss baldmöglichst herzustellen, beantwortete dieser mit allerlei Einwänden, weshalb er eben dies nicht zu tun gedenke.

So beruft er sich zunächst auf eine mündliche Zusage des Magistrats aus der Zeit der Errichtung des Hauses, sein Grundstück müsse grundsätzlich nicht an die Kanalisation angeschlossen werden. Hierauf sei vom Bautechniker keine Rücksicht auf einen Anschluss genommen worden. Die Stadt begründet ihrerseits das Verlegen des Kanals und den damit verbundenen "Anschlusszwang" mit entsprechenden Anträgen der Nachbarn Fütterers. Erst diese Anträge hätten die Stadt zur Ausweitung des städtischen Kanalnetzes veranlasst, eine Übernahme der jeweiligen Anschlusskosten könne man überdies nicht leisten.

Später wurde gar ein "älterer Obstbaum (Gravensteiner)", welcher vom Gärtner erst versetzt werden sollte, von Fütterer ins Feld geführt, als er abermals um Fristverlängerung bat. Dies fand keine Zustimmung, doch der Lehrer blieb stur, was die Festsetzung und Zahlung von neun Mark Strafe nach sich zog.

Im Sommer 1911 erklärt Fütterer schließlich, er wolle in den bevorstehenden Ferien den Anschluss herstellen lassen. Die Zeichnung für die Maßnahme wird allerdings erst im Herbst erstellt und in der Bauakte wird der abschließende Satz vermerkt:

"Das Grundstück ist im Dezember 1911 an die Kanalisation angeschlossen."

Familie Engelmann zieht ein

Genau zehn Jahre nach dem Bau des Hauses und keine zwei Jahre nach der Auseinandersetzung zwischen Eigentümer und Stadt, nimmt die Geschichte des Steingrabens Nr. 767 eine erste entscheidende Wende. Am 23. Juni 1913 verfasst der Heiligenstädter Fabrikant Hugo Engelmann ein Schreiben, in welchem er die Polizeiverwaltung um Genehmigung für den "Um- und Erweiterungsbau des von mir käuflich erworbenen Hauses am Steingraben No. 767" bittet. Somit ist in diesem Dokument erstmals in der Bauakte des Grundstücks die Rede von einem neuen Bauherrn.

Familie_Franz_Engelmann.jpgHugo Engelmann steht im 58. Lebensjahr als er das Haus erwirbt. Sowohl beruflich als auch privat ist er sehr gut situiert: Die vom Vater übernommene Nadel- und Metallwarenfabrik genießt unter dem Namen "Hugo Engelmann & Co." weltweite Bekanntheit und einen entsprechend hohen Absatz. Engelmann trägt zudem als Stadtverordneter und Gönner der evangelischen Gemeinde politisch und gesellschaftlich Verantwortung. Er ist inzwischen zum dritten Mal verheiratet, seine Ehefrau, Margarete, ist ganze 21 Jahre jünger als er. Das erste und einzige Kind der beiden, Liselotte, ist 1913 zwei Jahre alt.

Die Stellung in der Gesellschaft, der unternehmerische Erfolg sowie die aktuelle Familienkonstellation dürften Gründe für Hugo Engelmann gewesen sein, welche ihn Anfang der 10er Jahre des letzten Jahrhunderts ein standesgemäßes Eigenheim suchen ließen. Der Steingraben ist zu dieser Zeit dafür genau die richtige Adresse. Hier wohnt Engelmann bereits spätestens seit 1911 im Haus Nummer 810* als Teil der Heiligenstädter Oberschicht unter seinesgleichen. Während des Umbaus ist die Familie zeitweilig im Haus des Stadtverordnetenkollegen, Notar und Rechtsanwalt Karl Heinz Petri, Sohn des früheren Bürgermeisters Ernst Petri, untergebracht (Steingraben 659)**.

Fabrikantenvilla erhält Wintergarten und Speisezimmer

Für die Entscheidung zum Kauf einer bestehenden Villa anstelle eines Neubaus, welcher ungleich mehr Zeit in Anspruch genommen hätte, mag weniger das Geld als vielmehr Engelmanns Alter eine Rolle gespielt haben. Beim Studium der Bauakte wird ersichtlich, dass der neue Herr im Haus in jedem Falle ganz eigene Vorstellungen bezüglich einer angemessenen Ausstattung hatte. In der Baubeschreibung heißt es dazu:

"Der Anbau dient zur Erweiterung des Speisezimmers und zur Herstellung eines größeren Wintergartens; im Obergeschoß zur Vergrößerung des Schlafzimmers und Herstellung einer Terasse..."

Das erwähnte Speisezimmer entsteht aus dem vormaligen Wohnzimmer und der angrenzenden Veranda. Das sich anschließende Zimmer wird zum "Salon" erhoben. Die Tochter erhält ein eigenes "Kinder-Schlafzimmer". Grundriss_1913.jpgIm Keller ist nun, anders als zuvor, ein Raum für "Obst und Wein" vorgesehen, ferner ein "Bügelraum". 

Im Vergleich zum Vorbesitzer, geht Engelmann als Bauherr wesentlich professioneller ans Werk. Sein Bauantrag umfasst von vornherein fachmännische Zeichnungen und Berechnungen durch einen Architekten. Zusätzlich beauftragt Engelmann die heute noch existierende "Thüringer Beton-Baugesellschaft Otto Hauch & Co." mit der "Berechnung für eine Massivdecke". Die verwendeten Quellen geben nicht an, welchen Kaufpreis Engelmann für das Objekt gezahlt hat. Lediglich die veranschlagten Umbaukosten werden genannt. Sie betragen 4.000 Mark. Die baupolizeiliche Genehmigung erfolgt am 10. Juli 1913, die Baugebühren betragen 8 Mark.

Bereits am 22. September 1913 bittet Engelmann um die Abnahme des Rohbaus, welche zwei Tage später erfolgt. Vier Tage später merkt Stadtbaumeister Augustin Bodmann allerdings doch noch einen Mangel an:

"Im Obergeschoß ist nach Fortnahme der Tragwand für die Balkenlage und für die Dachlast ein Unterzug anzuordnen, für den eine statische Berechnung nachträgl. vorzulegen ist."

Gerade noch vor Jahresfrist, am 22. Dezember 1913, reicht Engelmann die fehlende Berechnung nach, die ursprünglich festgesetzte Frist von zwei Wochen ist längst verstrichen. Bodmann bescheinigt die Prüfung der Berechnung noch am Silvestertag 1913 mit der Bemerkung:

"Die Bauarbeiten sind fertig gestellt und ist die Schlußbauabnahme ohne Beanstandung erfolgt."


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Welche Probleme im Hause Engelmann auftreten, im Kleinen wie im Großen ...


* vgl. Historisches Adressbuch Heiligenstadt 1911
** Diese Information stammt von einer Nachfahrin der Familie Petri.