Burg Bodenstein 2016: Vorbildliches Nutzungskonzept und moderne Technik halten Mittelalterbau lebendig - ein Erfahrungsbericht

27. Oktober 2016Schatzsuche_Herbst_Bodenstein.jpg

Fabian Hesse erging es während eines Aufenthaltes im Ohmgebirge besser als sämtlichen Grafen, die jemals dort lebten. Ein Bericht über das familienfreundliche Leben und Arbeiten in einem restaurierten Schloss.

Die Familie wollte mal raus. Weg von zuhause, der Arbeit, dem Alltag. Es waren nur vier Tage und drei Nächte, keine lange Anreise (23 km) und doch, die "Flucht" gelang: Parallel mit einer alten Burg wurde die schönste Auszeit seit langem "erobert", die historische und dabei quicklebendige Herberge dabei von allen liebgewonnen.

Was gab es da nicht alles zu entdecken und erleben für uns Große und unsere Kleinen? Natürlich zuerst die beiden Zimmer (gleich nach der ersten von gefühlt 100 Fahrstuhlfahrten). Allein schon die Namen "Kapellenblick" und "Zur weißen Frau" weckten die Neugier. Dazu ein geräumiges Badezimmer sowie ein zweites inklusive Wickeltisch direkt vor dem Appartement ließen in punkto Wohnausstattung keine Wünsche offen.

Gräfin von Wintzingerode bot Führung an

Dann die vielen Gemeinschaftsräume, alle offen oder nach spontaner Bitte um den Schlüssel frei zugänglich: Eine "Krabbelstube"(!), reichlich bestückt mit Spielzeug, Kletterburg, Fläz-Ecke, Sinneswand und, und, und; eine Bibliothek samt "Chinesenkabinett"; der "Alte Speisesaal"; das "Burgwohnzimmer"; ein Meditationsraum; das "Verlies"; der Weinkeller; die Kapelle – von oben bis unten, hinten und vorne konnte das Anwesen leicht erforscht und aktiv genutzt werden.Wendeltreppe.jpg

Ausführliche Texttafeln gaben uns Auskunft über Geschichte und Geschlechtergenerationen durch die Jahrhunderte. Rundherum angebrachte Namensschilder und Gemälde der historischen Personnage ergänzten das Bild. Und als dann noch eine waschechte Gräfin (von Wintzingerode, Nachfahrin der letzten adligen Burgherren) höchstpersönlich während einer Führung aus dem Nähkästchen plauderte, war die Zeitreise perfekt.

Kinder- und Hausmärchen wurden wahr

Allein, die Burg als Museum wäre uns interessant, aber nicht passend vorgekommen. Schließlich hat man mit vier bzw. anderthalb Jahren andere Prioritäten als schnöden Geschichtsunterricht.

Das erwähnte Spielgemach sowie die Freiluftspielflächen kamen somit mehrfach und ausgiebig in Gebrauch. Hierbei war die Funktionalität der Geräte selbstverständlich, die einfühlsame Betreuung und Animation (im besten Wortsinn) durch das Burgpersonal war es nicht. Und so entstanden "Schwert und Schild" in der eigenen kindlichen Wappenkennung, wurde der tatsächlich vorhandene Turm während einer märchenhaften Schatzsuche zu einem "echten" Rapunzelturm und gab die Anprobe der Ritterrüstung ein Gefühl für das belastende Leben im Mittelalter.Rapunzelturm.jpg

Für den Autor ergaben sich im Gespräch mit dem Haus- und Hofkalfaktor noch einige Kenntnisse über die Baugeschichte und das Gebäudemanagement aus erster Hand. Auf die Frage, wie das wohlig warme Klima in dem ganz und gar nicht zugigen Gemäuer – im gesamten Inneren war das Laufen in Strümpfen möglich(!) – entsteht, lernte er von der modernen Gasheizung, welche neben der Wärme auch den benötigten Strom liefere, um bei Bedarf in den 45 Gästezimmern über 100 Besucher ohne Probleme erkältungsfrei beherbergen zu können.

Burgkalfaktor seit 32 Jahren im Dienst

Weiter hieß es, die Organisation auf der Burg erfordere auf der technischen Seite heute mehr koordinierende Fähigkeiten als körperliche Anstrengung.Verbindungen_Fachwerk.jpg Früher sei das freilich anders gewesen. Den Wechsel von Kohle zu Öl zu Gas hat der Herr der Heizung in 32(!) Jahren Betriebszugehörigkeit selbst miterlebt und vollzogen.

Wir halten fest: Burg Bodenstein - ein mittelalterlicher Bestandsbau mit Vorbildcharakter, in dem es längst heißt "Klimawandel kippen statt Kohlen schippen"!

Essen gut, alles gut? – Beinah, aber nicht ganz

Nochmal zurück zum Familienurlaub: Drei, wahlweise vier vollwertige Mahlzeiten pünktlich und geschmackvoll auf den Tisch hätten uns in keinem Sternehotel besser geschmeckt (einzig der Lautstärkepegel ließ uns immer wieder bewusst werden, dass es sich nun einmal um eine Familien- und damit auch Kinderbegegnungsstätte handelt. Wobei: Die Gruppen hungriger Erwachsener standen den Kindern in Sachen "Lärm beim Essen" in nichts nach. Ende der Kritik). Neuer_Speisesaal.jpgDer Besuch der burgeigenen Sauna mit anschließendem Weinumtrunk hob den letzten Abend schließlich besonders heraus.

Fazit: Die Abgeschiedenheit der Lage, die beeindruckende und durch ihre Barrierefreiheit zur vielseitigen Nutzung bestens geeignete Architektur sowie eine hochmoderne Ausstattung und Gebäudetechnik erlauben heute jedem rastsuchenden Gast der Burg Bodenstein einen Aufenthalt, den sich mancher ehemalige blaublütige Besitzer nur hätte wünschen können.

Die Möglichkeit, dabei nicht nur körperliches Wohlbefinden zu genießen sondern zur eigenen mental-geistigen bzw. geistlichen Besinnung zu kommen, mag die einen dabei wenig kümmern, für andere hingegen der krönende Segen dieses gebauten und, Gott sei Dank, bewahrten Ortes sein.


Burg Bodenstein - Familienbildungs- und Erholungsstätte der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland