Bedrohte Baukultur – Ein Blick von Heiligenstadt nach Damaskus

GASTBEITRAG | Die Umayyaden-Moschee – ein Damaszener Bauwerk und seine Bedeutung

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von Minas Bahah / 8. März 2016

Umayyad_Hadi_BKE.jpgWer aus seiner Heimat fliehen muss, lässt unendlich viel zurück. Neben geliebten Verwandten und Freunden gehören dazu vertraute Orte und Dinge. Hinzu kommt die Ungewissheit, ob und wann man zurückkehren wird. Der Bürgerkrieg in Syrien setzt seit fünf Jahren Millionen Menschen dieser Ungewissheit aus. Er bedroht dabei nicht weniger als eine ganze Kultur, darunter historische Bauten und Denkmäler mit zum Teil großer menschheitsgeschichtlicher Bedeutung.

Unsere Gastautorin Minas Bahah berichtet im Folgenden über ihre ganz persönliche Geschichte mit Bezug auf eines der wichtigsten Gebäude ihrer Heimatstadt Damaskus und zeigt dadurch beispielhaft, wie sehr die Menschen aus Syrien um ihre geschichtsträchtige Baukultur bangen.


Hallo, mein Name ist Minas Bahah, ich komme aus Syrien und lebe in Heilbad Heiligenstadt. Ich freue mich, dass ich hier die Gelegenheit erhalte, einen Beitrag zur syrischen Architektur und Kultur zu schreiben.

Umayyad_mosque_far_BKE.jpg2011: Der Anfang der Krise und des Zusammenbruchs in Syrien

Zunächst, bevor ich zu meinem Hauptthema komme, möchte ich mich etwas genauer vorstellen. Ich bin in Damaskus geboren. Ich habe Innenarchitektur studiert und 2011 meinen Abschluss gemacht. Für den Leser mag 2011 nur ein ganz normales Jahr sein, ein Jahr voller erfüllter Aufgaben und Wünsche, ein glückliches Jahr...etc. Doch für uns Syrer war 2011 ein Jahr des Wandels, es war das Jahr, in welchem die Krise und der Zusammenbruch anfingen.

In diesem Jahr hatte ich Gelegenheit in einem professionellen Büro für Innenarchitektur zu arbeiten. Leider hatte die Wirtschaft in Syrien aufgrund der Krise nachgelassen, besonders in meiner Branche. Aus diesem Grund entschieden sich meine Eltern Ende 2012 dazu, für eine Weile nach Jordanien zu ziehen. Mitte 2014 gingen wir dann nach Deutschland, da sich weder in Syrien die Dinge gut entwickelten noch in Jordanien eine Zukunft für uns lag.

Umayyad_Prayer_Hall_with_Shrine_John_Baptist_BKE.jpgEin Gotteshaus für verschiedene Religionen

Nun erlaube mir der Leser, ihm eine Ahnung von einer der wichtigsten architektonischen Stätten meiner Stadt aus der Zeit der Umayyaden-Dynastie zu vermitteln. Es handelt sich um die Umayyaden-Moschee oder die Große Moschee von Damaskus, welche einen Teil der historischen Altstadt bildet.

Am Standort der heutigen Moschee befand sich einst ein aramäischer Tempel, welcher dem Gott des Donners und des Regens, Hadad-Ramman, geweiht war. Später wurde daraus ein römischer Tempel zu Ehren Jupiters. Dieser war der größte Tempel des römisch besetzten Syriens. Einige seiner Säulen bestehen bis heute.

Interessante Fakten zur Umayyaden-Moschee

Die Moschee befindet sich in der Altstadt Damaskus' und wurde zwischen 706 und 715 n.Chr. erbaut.
In der Moschee soll sich einmal das größte Goldmosaik der Welt befunden haben.
Ein Schrein Johannes des Täufers befindet sich in der Moschee. Es heißt, sein Kopf läge dort begraben.
Das Grab des Eroberers Salah Aldin al-Ayoubi (bekannt als "Sultan Saladin", eroberte 1187 Jerusalem) befindet sich in einem Garten neben der Moschee.
Ein Großteil der Bestandteile der Bibliothek wurde dem Deutschen Kaiser Wilhelm II. überlassen.
2001 besuchte Papst Johannes Paul II. die Moschee. Es war der erste Moschee-Besuch eines Papstes überhaupt.

Unter Kaiser Theodosius I. wurde aus dem römischen Tempel eine christliche Kathedrale, welche später Johannes dem Täufer geweiht wurde. Schließlich folgte die Dynastie der Umayyaden, womit die Errichtung der heutigen Moschee begann.

Kunstvoller Innenhof als Hauptbestandteil der sakralen Stätte

Nach der arabischen Eroberung ordnete der nun islamische Herrscher der Stadt, Khalid ibn Al-walid, an, den Ursprungsbau weiterhin mit den Christen zu teilen: eine Hälfte wurde somit als Kirche, die andere als Moschee genutzt. Später kam es jedoch zur Zerstörung des Bauwerks. Als Ausgleich für den Verlust ihrer bisherigen Anbetungsstätte erhielt die christliche Gemeinde Damaskus' vier neue Kirchen und dazu noch eine Kompensationszahlung.

Umayyad_Court_yard_and_minaret_BKE.jpgEinzig einige Wände und Grundfesten des vorderen Bereichs sind bis heute erhalten geblieben. Anstelle des Tempels wurde durch die Umayyaden der aktuelle Komplex errichtet, weshalb dieser auch deren Namen trägt. Den Hauptteil des Geländes bildet seither ein großer Innenhof, der fast die Hälfte der Gesamtfläche einnimmt. Zu den Gebäuden ringsum gehören die Gebetshalle und das geschützte Heiligtum, drei Minarette und Kuppelgewölbe sowie drei Hauptportale.

Die Moschee geriet mehrfach in Brand und überstand auch einige Erdbeben. Beides fügte der Anlage immer wieder Schäden zu und einige Teile wurden dadurch gänzlich zerstört. Aus diesem Grund nahm man zu allen Zeiten Restaurationen und Reparaturen vor. Erhalten blieb die Moschee durch die Herrscher zahlreicher Epochen, darunter die Abasid und Fatimid-Ära sowie die Sejluk und Ayyubid-Ära, die Mamluk-Herrschaft, die Ära der Ottomanen, die Zeit des Französischen Kolonialmandats und die postkoloniale Zeit.

Die Geschichte der Moschee ist zu lang, um sie in diesem Artikel vollständig abzuhandeln. Tatsächlich wurden ganze Bücher über diese antike Moschee verfasst. Ich selbst habe früher oft die Altstadt meiner Heimat Damaskus besucht und jedes Mal, wenn ich dort entlang ging, bereitete mir die Pracht und die Herrlichkeit dieser Moschee besondere Freude. Selbst bei meiner letzten Reise nach Syrien vor einigen Monaten habe ich es nicht versäumt, der Moschee einen Besuch abzustatten.

"Die goldene Krone einer der ältesten Städte auf der Welt"

Zusammen mit meinem Mann und unserem Sohn war ich im Auto unterwegs. Wir fuhren abends über eine Brücke. Von dort aus sah ich die Moschee und ihr Anblick war bezaubernd. Ich war wie hypnotisiert. Minas_in_Damascus_BKE.jpgDie Moschee hob sich deutlich vom Rest der umliegenden Häuserblocks ab. Sie erstrahlte in goldenem Glanz. Für mich sah sie aus wie eine goldene Krone, getragen von einer der ältesten Städte der Welt. Ich konnte dem Anblick nicht widerstehen, also bat ich meinen Mann, anzuhalten, damit wir den für uns zunächst letzten Spaziergang zur Moschee machen konnten.

Dies bringt mich schließlich zu meinem Wunsch, dass die Moschee durch den anhaltenden Krieg keine weiteren Schäden erleiden muss. Bisher hat es einen Raketeneinschlag in die Fassade des Innenhofes gegeben, wobei einige Mosaike in Mitleidenschaft gezogen wurden. Darüber hinaus wünsche ich mir natürlich, dass meine Familie, meine Freunde und alle Menschen in Syrien wieder in Sicherheit leben können und dass meine geliebte Heimat wieder zu dem friedlichen und friedliebenden Land wird, welches es einst war, ohne die vielen Opfer von Gewalt und Zerstörung. Mögen wir alle in Zukunft auf der ganzen Welt in Frieden leben.

Anmerkung: Ich habe diesen Text auf Englisch geschrieben, da ich noch dabei bin Deutsch zu lernen, was mir im Moment, aufgrund der Betreuung meines Sohnes, nur allein und zuhause möglich ist. Ich danke Fabian Hesse für die Mühe der Übersetzung.


Link: Die Umayyaden-Moschee in 3D